Im Fokus: Argentinien – raus aus der Krise?

Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte Argentinien noch zu den reichsten Ländern der Erde. Als „Kornkammer der Welt“ war das zweitgrößte Land Südamerikas ein wichtiger Nahrungsmittellieferant für das durch den Ersten Weltkrieg ausgeblutete Europa. Der Peso zählte damals zu den stabilsten Währungen weltweit.

Argentiniens Wirtschaft im 20. Jahrhundert

Schon in den 1930er Jahren zeigte sich allerdings, dass Argentinien zu einseitig auf die Agrarwirtschaft orientiert war. Entsprechend hart wurde das Land ab 1929 von der Weltwirtschaftskrise getroffen: Die Rohstoffpreise fielen in den Keller, die Exporte gingen massiv zurück. In den 1930er Jahren traten zum ersten Mal Konflikte zwischen Arm und Reich auf. Erst unter der Präsidentschaft von Juan Domingo Perón (1946-1955) konnten diese beigelegt werden. Perón stellte gigantische Sozialprogramme auf die Beine, die zu seinem legendären Ruf (und dem seiner Frau Evita) beitragen sollten. Doch hatte diese Politik auch ihren Preis: Am Ende seiner zweiten Amtszeit war Argentinien stark verschuldet.

Die folgenden Regierungen konnten die unter Perón gemachten Schulden nicht ausgleichen. Im Gegenteil: Unter der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 verschärften sich die Probleme weiter. Der 1983 demokratisch gewählte Präsident Raúl Alfonsín erbte von den Militärs nicht nur ein riesiges Haushaltsdefizit und einen hohen Schuldenberg, sondern auch eine Wirtschaft in desolatem Zustand. Vor allem der Preisverfall wurde in den 1980er Jahren zu einem gravierenden Problem: Zwischen 1983 und 1989 betrug die jährliche Inflationsrate durchschnittlich 300 Prozent. Trotz zahlreicher Versuche, die Wirtschaft anzukurbeln, war das Land gegen Ende der Amtszeit von Alfonsín zahlungsunfähig.

Präsident Carlos Menem

Alfonsíns Nachfolger Carlos Menem leitete einen Kurswechsel ein – und hatte damit zunächst Erfolg. Der neue Staatschef setzte auf Handelsliberalisierung, auf Privatisierungen und den Verkauf von Staatsunternehmen. Um die galoppierende Inflation in den Griff zu bekommen, richtete er obendrein ein sogenanntes Currency Board ein: Der argentinische Peso wurde eins zu eins an den US-Dollar angebunden; die argentinische Noten­bank musste jederzeit Peso in Dollar eintauschen können. Die Inflation fiel dadurch in den einstelligen Bereich. Bis Mitte der 1990er Jahre wuchs die Wirtschaft im Schnitt um 8 Prozent. Durch die Senkung der Einfuhrzölle und die Privatisierungen gelangten viele ausländische Investitionen nach Argentinien. Für die Landwirtschaft brachten die Menem-Jahre einen Boom ohnegleichen, denn er schaffte die Exportzölle auf die Agrarausfuhren ab, was einen erheblichen Innovationsschub nach sich zog.

Argentinienkrise 1998–2002

Doch der Aufschwung war nicht von Dauer. Das Zusammenspiel aus Währungsaufwertung und hohen Zinsen erwies sich auf mittlere Sicht als verhängnisvoll für eine ganze Reihe von Sektoren. Die überbewerteten argentinischen Waren wurden auf dem Weltmarkt viel zu teuer. Und während die ausländischen Investitionen allmählich versiegten, flossen die Gewinne der ehemaligen Staatsunternehmen ins Ausland ab. Gleichzeitig verschuldete sich die Regierung immer mehr. Durch den hohen Schuldendienst und die Kapitalflucht drohte dem argentinischen Staat die Zahlungsunfähigkeit. Staatsinvestitionen und sozialpolitische Maßnahmen wurden auf ein Minimum begrenzt, Löhne gesenkt, die Arbeitslosigkeit erreichte neue Rekorde. Ende der 1990er Jahre brachen obendrein die Rohstoffpreise für Soja und Weizen ein, Argentinien erzielte immer weniger Geld aus den Exportgeschäften. Die Wirtschaft versank immer tiefer in der Rezession.

Menem überließ seinem Nachfolger Fernando de la Rúa ein höchst verschuldetes und zutiefst korruptes Land. Auch die neue Regierung bekam die Lage nicht in den Griff. Aus Angst vor dem totalen Zusammenbruch nahmen viele Argentinier ihr Geld von der Bank, horteten es zu Hause oder tauschten es in Dollar um. De la Rúa veranlasste daraufhin das Einfrieren aller Privatkonten – eine Maßnahme, die ihn im Dezember 2001 sein Amt kostete. Wegen der hohen Risikoprämien war Argentinien zum damaligen Zeitpunkt der Zugang zum regulären ausländischen Kapitalmarkt praktisch verwehrt; das Land war von den Krediten des Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängig. Ende 2001 konnte und wollte die argentinische Regierung die ausländischen Schulden nicht mehr bedienen.

Unter dem im Januar 2002 ins Amt gekommenen Eduardo Duhalde wurde die Dollarparität aufgehoben, der Peso wertete stark ab. Mittels eines niedrigen Peso-Kurses sollte der Export gefördert werden, was in Teilen auch gelang. Schon 2003 wuchs die Wirtschaft wieder mit mehr als 8 Prozent. Doch die Bilanz der Krisenjahre war verheerend: Zwischen 1998 und 2002 sank das Bruttoinlandsprodukt Argentiniens um insgesamt 21 Prozent. Mitte 2002 betrug die Armutsrate 57 Prozent und die Arbeitslosenquote 23 Prozent. Viele Argentinier verloren ihr gesamtes Vermögen. In der Geschichte Argentiniens ist diese Krise nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine politische Zäsur.

Die Ära Kirchner

Die widersprüchliche Ära der beiden Präsidenten Kirchner (Nestór Kirchner 2003-2007, Cristina Fernández nach dem Tode ihres Mannes 2007-2015) sah dann vieles: Wachstum und Stagnation, eine in Teilen erfolgreiche Sozialpolitik, aber auch Korruption in großem Ausmaß und erneut eine hohe Verschuldung. Unkonventionelle Maßnahmen sollten den Export ankurbeln; Exportsteuern wiederum die Staatskasse füllen. Am Ende der Ära Kirchner zählte der Thinktank „Global Trade Alert“ 440 protektionistische Maßnahmen, unter anderem Zölle und Exportbeschränkungen. Die Inflation schien man im Griff zu haben; als sie dann aber doch erneut anzog, wurden die Zahlen der statistischen Behörde gefälscht. Ein Umschuldungsangebot, das den Gläubigern mehr oder weniger aufgenötigt wurde, hatte dem Land an der Schuldenfront zwar eine Verschnaufpause verschafft. Die Wirtschaftsintegration Argentiniens wurde allerdings durch den Streit um die sogenannten „Geierfonds“ belastet. Die strittigen Anleiheschulden stammen aus der Staatspleite von 2001. Die Hedgefonds und einige andere Investoren hatten die Umschuldungsangebote Argentiniens – anders als 93 Prozent der Gläubiger – ausgeschlagen und auf volle Rückzahlung geklagt. Die argentinische Regierung unter Cristina Kirchner hatte sich geweigert, ernsthaft mit den von ihr als „Aasgeier“ geschmähten Fonds zu verhandeln.

Wirtschaft heute

Zum Ende der Ära Kirchner hatte das Land vier Jahre der Stagflation durchgemacht. Wo steht Argentinien heute, nach der Wahl des liberalen Präsidenten Mauricio Macri Ende 2015? Gleich nach seinem Amtsantritt schuf dieser Fakten: Der Devisenmarkt wurde freigegeben, der Peso abgewertet und mit dem verbliebenen Alt-Gläubiger-Kreis ein Arrangement gefunden. Macri öffnete den Markt für Importe und führte die Gas- und Strompreise wieder an kostendeckende Tarife heran. Das provozierte zunächst eine schwere Rezession: 2016 sank das Bruttoinlandsprodukt um – 2,3 Prozent. Zugleich verdoppelte sich die Inflationsrate nahezu – trotz hoher Zinsen und eines Rückgangs der Nachfrage. Letzterer war eine Folge sinkender Reallöhne, steigender Arbeitslosigkeit, der Senkung von Subventionen für den Konsum und der Abschaffung mehrerer Sozialleistungen.

2017 wuchs die Wirtschaft dann wieder. Positiv hat sich dabei ausgewirkt, dass die Bauwirtschaft langsam wieder in Gang gekommen ist. Der bislang stärkste Impuls für eine wirtschaftliche Belebung kommt aber aus der Agrarindustrie – dem traditionell wichtigsten Motor der argentinischen Wirtschaft. Die Abschaffung der Exportsteuern und anderer Ausfuhrhemmnisse hat zusammen mit der Freigabe des Devisen- und Kapitalverkehrs einen neuen Aufschwung in Argentiniens exportstärkstem Sektor ermöglicht. Jeder dritte Arbeitsplatz in Argentinien hängt von ihm ab, wenn vor- und nachgeschaltete Wertschöpfungsketten und Zulieferer berücksichtigt werden. In den kommenden fünf Jahren könnte sich der Output der argentinischen Landwirtschaft um 50 Prozent erhöhen – weniger durch eine Ausweitung der Anbauflächen als vielmehr durch die Steigerung der Produktivität. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Digitalisierung der Agrarproduktion.

Nicht so gut sieht es hingegen in der verarbeitenden Industrie aus, wo die meisten Zweige weiter im Minus sind. Trotz der starken Forschungslandschaft tut sich die argentinische Wirtschaft schwer mit Innovationen. Im Global Innovation Index von 2016 belegte Argentinien gerade einmal Rang 81 unter 128 Ländern. Schuld daran ist vor allem die überbordende Bürokratie: Besonders in den Bereichen regulatorisches Umfeld, Steuerpolitik und Möglichkeiten zur Gewerbegründung schneidet Argentinien überdurchschnittlich schlecht ab, so der Doing-Business-Index der Weltbank.

Chance Mercosur

Profitieren würde Argentinien zweifellos von einem Aufschwung in Brasilien, sind doch die beiden Volkswirtschaften eng miteinander verzahnt. Schon lange wollen Argentinien und Brasilien die fehlende Dynamik des Handelsabkommens Mercosur (weitere Mitglieder sind Uruguay und Paraguay) durch ein Abkommen mit der Europäischen Union aufbrechen, das seit vielen Jahren auf Eis liegt. Nun möchte Macri dieses Abkommen in seiner G20-Präsidentschaft vorantreiben.

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