Die Deutschen und die Geldanlage

Nicht zu Unrecht gelten die Deutschen als vorsichtig und risikoscheu, wenn es um ihre Geldanlage geht. Folge: Die Aktienkultur hierzulande ist nach wie vor unterentwickelt. Ein Psychologe sieht die Gründe hierfür auch in der fernen Vergangenheit.

Angesichts geringer Zinsen und überteuerter Immobilienmärkte erfreut sich die Aktie in Deutschland durchaus einer gewissen Beliebtheit: Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) belief sich die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland 2016 auf rund 9 Millionen und lag damit ungefähr auf dem Vorjahresniveau. Konkret waren im Jahresschnitt 2016 rund 8,98 Millionen Menschen direkt oder indirekt (etwa über Fonds) in Aktien investiert – das ist der zweithöchste Stand seit 2012, als es hierzulande knapp 9,5 Millionen Aktionäre gab. Auffällig dabei ist, dass die Zahl der Aktienbesitzer unter 40 Jahren erneut gestiegen ist – um 87.000. Die zahlenmäßig stärkste Gruppe unter den Aktienbesitzern bleiben aber nach wie vor die über 60-Jährigen.


Zahl der Aktionäre niedrig
Im Vergleich mit anderen OECD-Ländern allerdings ist die Zahl der Aktionäre in Deutschland nach wie vor niedrig. Insgesamt hat heute nur jeder siebte Bürger im Alter über 14 Jahre direkt oder indirekt Aktien in seinem Depot. Die Aktionärsquote beträgt gerade einmal 14 Prozent, ohne Berücksichtigung der Fonds sogar nur 6 Prozent; vor allem in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern liegt sie deutlich höher. Viel zu wenige Deutsche würden die Chance der Aktienanlage für Vermögensaufbau und Altersvorsorge nutzen, kommentiert das DAI. Auch liegt die Zahl der Aktionäre immer noch deutlich unter dem Höchststand aus den Zeiten des Börsenbooms um die Jahrtausendwende. Damals waren rund 20 Prozent (fast 13 Millionen Deutsche) in Aktien investiert. Die schlechten Erfahrungen, die sie mit dem Platzen der Dot-Com-Blase gemacht haben, halten viele Anleger allerdings bis heute von weiteren Börseninvestments ab.

Dass viele Menschen in Deutschland keine hohe Meinung von der Aktie als Wertanlage haben, belegt auch eine Umfrage, die Anfang 2016 vier Direktbanken veröffentlicht haben. Der repräsentativen Befragung zufolge stuft jeder vierte Deutsche die Aktie als reines „Zockerpapier“ ein (24 Prozent). In den USA hingegen ist nur ein Zehntel aller Befragten dieser Meinung, in Großbritannien sogar nur 7 Prozent. Zudem denken die meisten Deutschen, dass vor allem Unternehmen von Aktien profitieren (66 Prozent), während Amerikaner und Briten klar den Anleger als Hauptprofiteur ansehen (70 Prozent und 62 Prozent). Insgesamt ist sich sogar ein Drittel der Deutschen (32 Prozent) sicher, unter gar keinen Bedingungen in Aktien investieren zu wollen. In Großbritannien sind dies nur 21 Prozent und in den Vereinigten Staaten trifft dies nur auf ein Zehntel der Bevölkerung zu.


Andere Sparformen bevorzugt
Demgegenüber sind Sparprodukte, die kaum Rendite abwerfen, hierzulande äußerst beliebt. Insgesamt verfügen die Deutschen über ein Geldvermögen von 5,5 Billionen Euro, wie die Deutsche Bundesbank jüngst veröffentlicht hat. Fast 40 Prozent dieses Vermögens liegen auf gering verzinsten Giro- und Sparkonten. Doch nicht nur das: Beim Kauf des gleichfalls unverzinsten Goldes haben die Deutschen, je Kopf gerechnet, mittlerweile klassische Goldländer wie China und Indien überholt – und zwar nicht, weil Goldschmuck hierzulande plötzlich so populär geworden wäre, sondern weil die Anleger verstärkt Barren und Münzen kaufen. Mehr als 30 Milliarden Euro entgingen den Deutschen jedes Jahr durch diese besonders risikoaverse Geldanlage, haben Anlagefachleute aus Anlass des Weltspartages ausgerechnet.


Fehlende Finanzbildung
Fast monatlich werden neue Statistiken und Befragungen publiziert, die immer wieder eines zeigen: In der Geldanlage sind die Deutschen überdurchschnittlich sicherheitsorientiert. Was aber steckt dahinter? Warum sind die Deutschen in der Geldanlage besonders ängstlich? Zunächst einmal könnte dies mit fehlender finanzieller Allgemeinbildung zu tun haben. Wie Umfragen immer wieder belegen, fehlt es nicht wenigen Deutschen an elementarem Wissen über Geld- und Finanzfragen. Wenn beispielsweise in einer repräsentativen Umfrage des Bankenverbandes aus dem Jahr 2014 deutlich mehr als die Hälfte der Befragten dem Satz „Von dem, was an der Börse geschieht, habe ich keine Ahnung“ ganz oder teilweise zustimmt, verwundert es nicht, dass nur relativ wenige Menschen Geld in Aktien investiert haben, obwohl dies gerade bei längerfristigen Anlagen sinnvoll wäre. In derselben Umfrage konnte obendrein mehr als die Hälfte der Befragten nicht erklären, was ein Investmentfonds ist.

Mehr finanzielle Allgemeinbildung wäre zweifellos wichtig und dringend notwendig, doch ob das Anlageverhalten der Deutschen mit fehlenden Kenntnissen finanzieller Zusammenhänge hinreichend erklärt werden kann, ist zumindest fraglich. Gerne verweisen Ökonomen und Wirtschaftshistoriker in diesem Zusammenhang auch auf die traumatischen Erfahrungen, die frühere Generationen in Deutschland mit totaler Geldentwertung und Vermögensverlusten gemacht haben.
Zwar kann eine vermeintlich tiefsitzende Inflationsfurcht nicht als direkte Erklärung dafür herhalten, warum man sein Geld als unverzinste Anlage auf dem Girokonto hält, anstatt es anderweitig anzulegen. Doch wird darauf verwiesen, dass die Deutschen als gebrannte Kinder eben eine „besondere Sensibilität“ in Fragen der Finanzsicherheit entwickelt hätten. Allerdings stellt sich hier die Frage: Können Ereignisse, die viele Jahrzehnte zurückliegen, die nachfolgenden Generationen tatsächlich noch so prägen, dass deren gesamtes Geldanlageverhalten davon bestimmt wird? Ziehen die Deutschen heute in Finanzfragen wirklich einfach immer noch die falschen Schlüsse aus den negativen Erfahrungen ihrer Urgroßeltern?


Von Natur aus vorsichtig
Aus Sicht des Psychologen Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen, ist dies eher nicht der Fall. Die Bedeutung der Hyperinflation und der zwei Weltkriege für die Ängstlichkeit der Deutschen möge zwar eine gewisse Rolle spielen, aber die typischen Eigenschaften von Menschen in bestimmten Regionen seien aus seiner Sicht schon sehr viel älter: Die „German Angst“, wie die Angelsachsen sie gern abschätzig nennen, könne man seit Jahrhunderten beobachten, die besondere Ängstlichkeit der Deutschen bei der Geldanlage wäre demnach kein isoliertes Phänomen. Mit anderen Worten: Aus der Sicht Bandelows geht es nicht um ein besonderes Verhältnis der Deutschen zum Geld, das durch die ganz besondere Geldgeschichte des Landes zu erklären wäre, sondern um eine bestimme Disposition gegenüber Risiken überhaupt.

Um die Ursprünge dieser Angst aufzudecken, müsse man seiner Einschätzung zufolge Tausende von Jahren zurückgehen, als der mitteleuropäische Raum vom Süden her besiedelt wurde und unsere Vorfahren mit klimatisch extrem schwierigen, weil ungewohnten Verhältnissen zurechtkommen mussten. Damals hätten nur die Vorsichtigen und Sparsamen überlebt – jene also, die vorausschauend denken konnten und sich einen großen Vorrat für den Winter angelegt hatten. Dies sei eine Art „natürliche Auslese der Ängstlichen“ gewesen. In der Folge sei eindeutig zu beobachten, dass es in Hinblick auf Vorsicht und Sparsamkeit ein Nord-Süd-Gefälle gebe: In Nordeuropa, in Dänemark, Schweden oder Finnland, sei dieser Hang zur vorsichtigen Absicherung sogar noch ausgeprägter als bei uns, so Bandelow. In vielen Ländern im Süden Europas dagegen gebe es mehr Gelassenheit und Zuversicht, was die Zukunft betrifft.

Zwar, so Bandelow, seien von Generation zu Generation, von Individuum zu Individuum Unterschiede hinsichtlich Sparsamkeit und Ängstlichkeit erkennbar. Doch die Grunddisposition sieht er als relativ resistent gegenüber kulturellen Einflüssen an: „Egal ob in Zeiten des Hungers oder großen Wohlstandes, die Deutschen bleiben immer eher vorsichtig, sparsam und skeptisch gegenüber der Zukunft.“

Aktienbesitz kann sich lohnen
Können die Deutschen also gar nicht aus ihrer Haut heraus, selbst wenn sie es wollten? Sind alle Appelle, in Zeiten der Null- oder Niedrigzinsen auch eine Anlage in Aktien in Erwägung zu ziehen, von vornherein nutzlos? Bandelow mag mit seiner These recht haben, dass die Deutschen generell zur Vorsicht und zu einer gewissen Ängstlichkeit neigen, doch ein Investment in Aktien etwa aus dem Dax-30 ist kein Investment in Hochrisikopapiere – gerade wenn man sein Geld längerfristig anlegen möchte und es über verschiedene Anlageformen streut. Aktiensparer müssen zwar Kursschwankungen aushalten können und ein kleines Risiko in Kauf nehmen, doch unter dem Strich und über einen längeren Horizont – dies zeigen viele Berechnungen – lohnt sich der Kauf von Aktien, wenn man eine breite Risikostreuung vornimmt. Mit großen deutschen Standardaktien beispielsweise können Dividenden von durchschnittlich etwa 2,6 Prozent jährlich eingefahren werden, in Einzelfällen auch mehr.

Aktienbesitz und eine gewisse Vorsicht schließen sich also gegenseitig nicht aus – Aktienbesitz und grundlose Vorurteile hingegen schon. Insofern kann mehr finanzielle Allgemeinbildung durchaus Früchte tragen und einen etwas realistischeren Blick auf die verschiedenen Anlageformen ermöglichen. Dass die Anleger in Deutschland aber auch in Zukunft eine gewisse Zurückhaltung werden erkennen lassen, daran dürfte sich wohl nichts ändern.

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